Die Große Pyramide

des Königs Cheops in Giza

Der Aufweg

Der Aufweg zur Cheopspyramide um 1843, nach Hassan, Giza X, Fig. 1.

Die Besprechung des Aufwegs zur Cheopspyramide ist ebenso provisorisch wie jene des Taltempels und wartet auf die Publikation der letzten Entdeckungen. Das betrifft vor allem aber nicht ausschließlich den Befund im unteren Teil, der direkt in den Taltempel mündet. Neben der Gesamtlänge von 825 m und einer Länge des unteren Teils - zwischen Taltempel und 32-Knick in der Abdel Hamid el-Wastani Street - läßt sich über diesen Teil z.Zt. nichts weiter feststellen [ 1 ]. Widersprüchlich sind selbst diese Angaben im Moment noch, denn an anderer Stelle (und aktueller) erfährt man: "Its total length is 750 m, and the distance from the east face of the Great Pyramid to the valley temple is 810 m [ 2 ]." Bei diesen neueren Grabungen wurden auch 6 Testgräben im oberen Teil gezogen, bei denen durchweg monumentale Kalksteinarchitektur zum Vorschein kam [ 3 ]. U.a. wurden dabei in der Khaled Ibn el-Walied Street Fragmente der Kalksteinverkleidung der Südseite des Aufwegs entdeckt [ 4 ]. Dieser Befund wird am gegenwärtigen Bild noch einiges ändern.

Damit läßt sich heute aber immerhin ein schematisches Bild des Aufwegs zeichnen. Er besteht prinzipiell aus drei Teilen: der eben kurz beschriebene untere Teil, der vom Taltempel bis zum Knick verläuft (125 m), der mittlere Teil, bestehend aus einem gewaltigen Viadukt, der vom Knick in der Abdel Hamid el-Wastani Street bis hinauf zum Plateau reicht (von den Einheimischen als Senn el-Agouz bezeichnet) und der obere Teil auf dem Plateau, der schließlich im Pyramidentempel an der Ostseite der Cheopspyramide mündet [ 5 ].

Vom Aufweg ist heute, von gewaltigen Aufmauerungen in Gestalt eines Viadukts einmal abgesehen, kaum noch etwas zu sehen. Noch vor dem Abbruch des Plateaus, etwa 250-270 m östlich des Pyramidentempels, kann man Blöcke in situ aus grobem lokalem Kalkstein sehen, die nur grob in Form gebracht wurden, und die Basis für den Aufweg bilden [ 6 ]. Vom Pyramidentempel Richtung Osten kann man den Aufweg rund 80 m weit verfolgen. Nach einer Unterbrechung ist er dann erst nach 130 m wieder auszumachen [ 7 ]. Einst muß es sich bei diesem Aufweg aber um eine der imposantesten Anlagen Ägyptens gehandel haben, über die Herodot begeistert schrieb [ 8 ]:

    "Zehn lange Jahre dauerte es, bis das geplagte Volk die Straße gebaut hatte, auf der sie die Steine zogen, und ihre Erbauung war eine Leistung nicht viel geringer als die Erbauung der Pyramide, meine ich jedenfalls; denn lang ist sie fünf Stadien (930,5 m [ 9 ]) und breit zehn Klafter (18,30 m) und hoch, da wo sie am meisten herausragt, acht Klafter, und sie ist aus geglätteten Steinen, und Bilder sind darin eingemeißelt."

Diese Beschreibung Herodots deckt sich mit einigen Tatsachen recht gut. Zunächst ist dabei auf die Arbeiten Goyons zu verweisen, der den Aufweg im Dorf verfolgt hat und anhand dort gefundener Mauerreste rekonstruiert hat. Danach hätte allein das Viadukt ohne Aufbau eine Höhe von mehr als 21 m gehabt - die Höhe des Plateaus - und ein Volumen von 140.000 Kubikmeter verschlungen [ 10 ]! Dieses Volumen dürfte sich nicht unerheblich erhöhen, denn nach einer Beobachtung Lehners wird die Höhe am Abbruch des Plateaus wohl eher 30 m betragen [ 11 ].

Zu überwindender Höhenunterschied, nach Goyon, Le secret, p. 159, Fig. 46 (links eine Königinnenpyramide).

Noch die frühesten Erforscher der Cheopspyramide fanden den Aufweg in deutlichen Spuren [ 12 ]. Perring versicherte, daß es 1837 wohl keine Reliefs im Sinne Herodots mehr zu sehen gab, der Aufweg jedoch bis in die Felder hinein sichtbar war, und zwar bis zur Hälfte der Länge, die Herodot angegeben hat [ 13 ]. Die Darstellung Lepsius' bestätigend erhält auch bei Perring der Aufweg einen Knick, der ihn am unteren Ende noch einmal weiter nördlich führt [ 14 ]. Der Verlauf scheint damals über den Knick hinaus und auch danach noch eindeutig erkennbar gewesen zu sein. Es ist möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich, daß die Fragmente ganz am äußersten östlichen Ende in Perrings Zeichung nicht mehr den Aufweg, sondern schon einen Rest des Basaltpflasters des Taltempels wiedergeben. Leider gibt es über deren Befund keine weiteren Informationen aus dieser Zeit.

Aufweg nach Perring

Ausschnitt aus Perring, Pyramids I, Map, Part 1. Übereinstimmend mit allen anderen Quellen
des 19. Jahrhunderts zeichnet Perring einen Knick nach Norden im unteren Teil.

Hassan, der 1938 erstmals Sondierungen dieser Spuren vornahm [ 15 ], sprach damals mit einigen Einheimischen. Ein älterer Bewohner des Dorfes bestätigte ihm die Beschreibung von Lepsius, ein übler Zustand, der jenem vor 60 Jahren, also etwa 1878, geglichen haben soll. Weiter berichtete er, daß die entgültige Zerstörung erst begann, als man anfing wegen des sich anbahnenden Touristengeschäftes dort in großer Zahl Häuser zu errichten, und Hassan bestätigt, daß sich bis in seine Zeit der Abbruch aus diesem Anlaß fortgesetzt hat [ 16 ].

Goyon führte seine Untersuchungen an zwei Stellen durch, einmal direkt am Abbruch des Plateaus, Senn el-Agouz, und dann an einer Stelle weiter östlich, die frei von Häusern war und in einigen daran angrenzenden Straßen dieses Bereichs [ 17 ]. Ein wesentlicher Teil seiner Grabungen im Dorf wurde schon im Zusammenhang mit dem Taltempel besprochen. Bei Senn el-Agouz wählte sich Goyon einen Bereich, der noch nicht verbaut war, ganz am Abbruch des Plateaus [ 18 ]. Praktisch die ganze gewaltige Aufschüttung, die noch heute dort zu sehen ist, besteht aus den Überbleibseln dieses Aufwegs [ 19 ]. Unter diesen Überbleibseln gelang es Goyon noch Blöcke von 22 Lagen in situ zu finden, die Aufschluß über einige Merkmale des gewaltigen Viadukts zuließen [ 20 ]. Nach der Beseitigung des Schutts schließlich gelangte Goyon bis auf das Fundament des Aufwegs, das aus großen, lose zusammengefügten Blöcken besteht [ 21 ]. Die Blöcke des Mauerwerks bestehen aus grauem Nummulithenkalk unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Stufenhöhe, der auch das Kernmauerwerk der Pyramide bildet [ 22 ]. Die Verkleidung des Aufwegs wurde aus feinem Turakalkstein von der anderen Seite des Nils hergestellt [ 23 ]. Goyon entdeckte sogar die untersten Steine aus weißen Turakalk, die direkt am Abbruch des Plateaus in den gewachsenen Felsen ragen und das unterste Fundament bilden. Diese Steine sind schräg zugeschnitten und greifen direkt in eine korrespondierende Vorrichtung im Felsen selbst. Sie messen 1,53m (Länge) x 0,45m (Breite) und 1,25m x 0,54m [ 24 ]. 27 m von dieser Stelle und in östlicher Richtung findet sich ein weiterer Stein des Fundaments, der 1,60m x 1,15m mißt. Er befindet sich in keinem guten Stand genügte Goyon aber über die genannte Länge die Ausrichtung des Aufwegs zu bestimmen, der danach 15 Grad von der Ostrichtung nach Norden abweicht [ 25 ]. Zwischen diesen beiden Fundamentsteinen liegt ein Niveauunterschied von 20 cm, der das Gefälle des Aufwegs über den Abhang wiedergibt [ 26 ]. Die Breite des Aufwegs hat Goyon mit 18,35m bestimmt [ 27 ], wobei man auf den recht hypothetischen Charakter dieser Zahl hinweisen muß. Auf einigen Blöcken waren Steinbruchmarkierungen in üblichem Ocker zu finden, aus denen Goyon auf eine Bearbeitung der Blöcke bereits im Steinbruch schließt [ 28 ].

Reste des gewaltigen Viadukts, Senn el-Agouz, nach Goyon, La Chaussée, p. 52, Fig. 1.

Hassan fand bei seinen Grabungen einige Steine im oberen Teil des Aufwegs in situ, welche die Südwand des Aufwegs bilden, und berechnete den Aufweg dort mit einer Breite von 9 m [ 29 ]. Etwa in der Mitte des oberen Teils des Aufwegs befindet sich ein Tunnel, der unter dem Aufweg hindurchführt, wie er auch an anderen Pyramidenanlagen nachgewiesen ist. Im Bereich des Tunnels soll der Aufweg eine Breite von 10,5 m haben. Desweiteren entdeckte Hassan mehrere dekorierte Blöcke mit verschiedenen Szenen, darunter das Sed-Fest, eine Falkendarstellung, den Namen der Cheopspyramide und Vogel- und Tierdarstellungen [ 30 ]. Diese Fragmente stammen durchgehend aus dem oberen Teil des Aufwegs und es ist daher sehr fraglich, ob sie ursprünglich zum Aufweg oder zum Pyramidentempel gehört haben [ 31 ]. Weitere Reliefbruchstücke aus dem Bereich des oberen Aufwegs, die Reisner veröffentlicht hat, können ebenso unsicher zugewiesen werden [ 32 ]. Die Frage, ob der Aufweg mit Reliefs verziert war, wird in der Ägyptologie schon lange kontrovers diskutiert. Der wesentliche Anlaß zu Zweifel bietet der Umstand, daß es in der ganzen 4. Dynastie keine schlagkräftigen Hinweise für Reliefs im Aufweg gibt [ 33 ]. Die 4. Dynastie ist viel eher die Zeit, in der mit dem Gebrauch unterschiedlicher Gesteinsarten experimentiert wurde und mehr Wert auf die monumentale Ausgestaltung gelegt wurde [ 34 ]. Andererseits wurden in der Pyramide Amenemhets I. in Lischt zahlreiche dekorierte Blöcke königlichen Ursprungs gefunden, von denen man annimmt, sie seien einst aus Giza dorthin abtransportiert worden [ 35 ]. Dieser Umstand wird als Bestätigung von Herodots Bericht angesehen [ 36 ]. Allerdings sind erhebliche Zweifel aufgekommen, ob die Blöcke von Lischt wirklich aus Giza stammen. Arnold hat in einer Besprechung zu lokalen Tempeln des Alten Reiches darauf hingewiesen, daß der thematische Inhalt der Szenen nicht zwangsläufig auf eine funeräre Verwendung verweist und er führt Gründe an, die einen lokalen Tempel bei Lischt wahrscheinlich machen, aus dem die Blöcke letztlich stammen [ 37 ]. Für die direkt am Aufweg in Giza gefundenen Reliefbruchstücke ist eine genau Lokalisierung ihres Anbringungsortes nicht weniger problematisch [ 38 ]. Sicher ist, daß es sich um Szenen handelt, die nach Fundlage, Ausführung und Qualität nur in den Aufweg oder in den Pyramidentempel gehören können. Hassan meint sogar anhand der Blickrichtung die Anbringung wenigstens für die Seite entscheiden zu können [ 39 ]. Die Frage, ob Herodots Beschreibung im Falle der Reliefs zutrifft, ist also nicht abschließend zu beantworten. Vom Inhalt der Stücke her scheint es wahrscheinlicher zu sein, daß sie in den Pyramidentempel gehören.

Achet-Khufu Bruchstück eines Reliefs vom oberen Aufweg: "Achet-Khufu", der Name des Pyramidenbezirks. Nach Hassan, Giza X, p. 35, Fig. 7.

Ebenso strittig ist die Klärung der Herodotschen Beschreibung eines gedeckten Aufwegs. Goyon ist in seinen Rekonstruktionen dieser Beschreibung gefolgt [ 40 ]. Anhand des Befundes ist das aber nicht sicher zu bestimmen. Es könnte sich ebenso um eine einfache Aufmauerung von Seitenwänden ohne jede Überdachung gehandelt haben [ 41 ].

Anmerkungen

[ 1 ] Hawass, Recent Discoveries, p. 241.
[ 2 ] ders., Giza, Khufu Pyramid Complex, p. 348.
[ 3 ] ders., Funerary Complexes, p. 226.
[ 4 ] ibd, p. 226, pp. 256-257., Fig. 6.6 & 6.7; p. 258, Fig. 6.10.
[ 5 ] Im Vergleich mit Hawass, Harbors of Khufu and Khafre, p. 253, Fig. 1, scheint die Lage des Taltempels und der Verlauf des Aufwegs in der neu ergänzten Zeichnung von Der Manuelian auf der Cheops-Übersichtsseite völlig korrekt zu sein.
[ 6 ] MR IV, p. 68.
[ 7 ] MR IV, p. 68; vgl. Lauer, Le temple funéraire, p. 246.
[ 8 ] Herodot, II, 124.
[ 9 ] Meter nach Messiha, p. 13.
[ 10 ] Goyon, Le secret, p. 157.
[ 11 ] Lehner, Development, p. 120.
[ 12 ] Fakhry, Pyramids, p. 104.; Hawass, Funerary Establishment, pp. 125f.
[ 13 ] Perring, Pyramids I, p. 1.
[ 14 ] ibd. I, Map, Part 1.
[ 15 ] Hassan, Giza X, pp. 17-20.
[ 16 ] ibd., p.18.
[ 17 ] Goyon, La chausée, pp. 49-70.
[ 18 ] ibd., pp. 51ff.
[ 19 ] ibd., p. 50.
[ 20 ] ibd., p. 51.
[ 21 ] ibd., p. 54.
[ 22 ] ibd., p. 55 u. n. 2.; Dieselbe Technik wiederum wurde zur Errichtung des Kernmauerwerks der Pyramide angewandt, ebenso wie die Verwendung eines Mörtels aus Gips und Sand.
[ 23 ] Goyon, op.cit., p. 56.
[ 24 ] ibd., p. 56.
[ 25 ] ibd., p. 57. Lauer, Le temple funéraire, p. 246, hatte den Winkel früher mit 14 Grad bestimmt. vgl. aber Goyon, La chausée, p. 49, der 14-15 Grad angibt.
[ 26 ] Goyon, op.cit., p. 57, n. 1.
[ 27 ] ibd., p. 58.
[ 28 ] ibd., p. 58-60.
[ 29 ] Hassan, op.cit., p. 19.
[ 30 ] ibd., 20-24, 34-36, Pls. V-VII.
[ 31 ] Fakhry, Pyramids, p. 104.
[ 32 ] Reisner, History II, Fig. 7.
[ 33 ] Edwards, Pyramids, p. 117.
[ 34 ] ibd.
[ 35 ] Goedicke, Re-used Blocks, p. 6.
[ 36 ] Stadelmann, Giza, S. 170.
[ 37 ] Arnold, Hypostyle Halls, pp. 49f.
[ 38 ] vgl. Ricke, Bemerkungen II, S. 242, Anm. 250.
[ 39 ] Hassan, op.cit., pp. 20ff.
[ 40 ] Goyon, Le secret, p. 158, Fig. 45; p. 161, Fig. 47.
[ 41 ] vgl. MR IV, p. 170, Obs. 52.

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