Die Große Pyramide

des Königs Cheops in Giza

Der Taltempel

Das z.Zt. zur Verfügung stehende Material zum Befund des Taltempels und des Aufwegs ist vor allem unvollständig und verwirrend. Das mag zu einem guten Teil daran liegen, daß für die neuesten Grabungen noch kein entsprechender Bericht vorliegt. Dieser ist jedoch mehrfach angekündigt [ 1 ], sodaß diese Seite bis zum Erscheinen der entgültigen Publikation als Provisorium dient.

Über die Lage des Taltempels ist viel spekuliert worden. Einigkeit bestand lediglich darin, daß er unter dem modernen Dorf Nazlet es-Samman liegt, irgendwo nordöstlich der Cheopspyramide in der Verlängerung des Aufwegs, der sich bis ins Dorf hinein verfolgen läßt. Nach Hassan [ 2 ] wußten 1938-39 noch die Ältesten des Dorfes zu berichten, daß der Aufweg östlich in den Feldern endete und dort draußen große Steine das Bestellen erschwerten. Allerdings ging Hassan davon aus, daß es sich bei diesen Blöcken nicht um den Taltempel, sondern um den Hafen handelte. Den Taltempel sah Hassan unter dem Haus eines Geritley Pasha, das etwa 1860 erbaut wurde, und über dessen Lage praktisch nichts Erhellendes beigetragen wird. Dabei beruft er sich auf mehrere ältere Männer des Dorfes, die von einem großen Pflaster berichten, das sich in und unter dem Garten befand.

Maragioglio & Rinaldi halten Reste einer 200 m langen und 7 m breiten Kalksteinmauer südlich des Dorfes für den Teil einer größeren Umfassungsmauer, neben der bei Versuchsgrabungen Reste von Gebäuden aus Lehmziegeln und Granitbruchstücken entdeckt wurden [ 3 ]. Neben Alltagsgegenständen wie Steingeräten und Vasen fanden sich auch Siegel mit dem Namen des Cheops und des Chephren. Durch die südliche und von Aufweg abweichende Lage war allerdings klar, daß es sich dabei nicht um den Taltempel handeln kann.

Sondierungen Goyons in Nazlet es-Samman, nach Goyon, La chaussée, Plan auf S. 70.

Den Taltempel gefunden zu haben, meinten auch Goyon und Messiha, die drei Surveys in den Sechzigern unternahmen. Goyon meinte nach 658 m das Ende des Aufwegs gefunden zu haben und erkannte dort den Taltempel (2 in der Abbildung oben) [ 4 ]. Allerdings widersprach dem schon allein die Länge des Aufwegs, wie er aus Publikationen des 19. Jahrhunderts noch zweifelsfrei hervorgeht. Auch archäologisches Material zur Stützung seiner These war nicht vorhanden. Seine Sondagen in diesem Bereich, die einen Raum um das von ihm postulierte Ende einnehmen, sind dort, wo sie ein Fundament aufweisen müßten, nur mit "pas de pierres" oder verschlepptenm Material gekennzeichnet. Messiha will sogar einen Knick des Aufwegs nach Süden um 15 ausgemacht haben [ 5 ]. Dort, südlich des Aufwegs und in einer Geraden mit der Cheopspyramide, hatten seine Sondierungen 1965 und 1967 auf einer Fläche von 28 x 24 m ein Kalksteinpflaster in situ ergeben. Material und Ausmaße der Kalksteine entsprechen jenen des Aufwegs. Messihas Fundamentpflaster wurde schließlich als Taltempel anerkannt [ 6 ].

Die Lage des Taltempels (4) nach Messiha, Valley Temple, Map A, Ausschnitt.

Goyons Ansichten widersprach vor allem Lehner. Auf Messiha nahm er dabei keinen Bezug. Lehner rekonstruiert die Lage des Taltempels auf topographischen Daten rund 45 m weiter östlich und 95 m weiter nördlich von Goyons Sondierungen im Dorf (2 im Plan) [ 7 ]. Allerdings folgt Lehner Goyon in der Betrachtung eines Korridors von 1,40 m Breite, der schwerlich Bestandteil des Aufwegs sein kann [ 8 ]. Dieser Korridor läuft südöstlich parallel zum Aufweg. Das entscheidende Argument dabei ist aber das Vorkommen von Basaltblöcken in situ mit den Maßen von etwa 1,10 m Länge und 55 cm Breite, wie sie im Aufweg nicht vorkommen [ 9 ]. Basaltblöcke sind kein Merkmal eines Aufwegs, sondern - wie auch der Pyramidentempel zeigt - von Tempeleinrichtungen [ 10 ]. Lehner schließt daraus, daß Goyon Teile eines "untergeordneten" Elements des Taltempels entdeckt hat. Dabei denkt er an eine Art Tempel, wie man ihn an der Knickpyramide in Dahschur gefunden hat. Beiden Tempeln wäre gemeinsam, daß sie nicht im Tal, sondern erheblich darüber liegen. Das würde aber im Besonderen auf das Fundament zutreffen, das Messiha gefunden hat, denn beiden wäre die außergewöhnliche Nord-Süd-Ausrichtung gemeinsam [ 11 ]. So wäre es vielleicht möglich an der Stelle des zweiten Knicks im Aufweg eine Art Zwischenstation anzunehmen, die dem sogenannten Taltempel der Knickpyramide ähnelt, und der über einen "zweiten Aufweg" (Lehner) schließlich mit dem eigentlichen Taltempel verbunden war [ 12 ]. Aber das ist natürlich rein hypothetisch, obwohl man es sich für Messihas Pflaster kaum anders wird denken können.

Der sog. "Korridor" läuft parallel neben dem Aufweg und wurde von Goyon auf 4 m Länge freigelegt, ehe er unter einem modernen Haus verschwand. Nach Goyon, La chaussée, p. 65, Fig. 8 (oben Ansicht von Norden); p. 64, Fig. 7 (unten Grundriß).

Um den eigentlichen Taltempel jedenfalls kann es sich bei diesen Spuren nicht handeln, denn dieser wurde in großem Abstand davon entdeckt, und zwar bei den Abwasserarbeiten des Sphinx Emergency Sewage Projects im März 1990 [ 13 ]. Bei dieser Entdeckung wurden Reste des Taltempels und des Aufwegs in mehreren Gräben nachgewiesen. Der Taltempel zeichnet sich durch ein schwarz-grünes Basaltpflaster ab, das 14,20-14 m über dem Meeresspiegel bzw. 4,5 unter dem heutigen Bodenniveau liegt. Das Pflaster ist nicht mehr vollständig erhalten und wurde wahrscheinlich schon im Altertum abgebrochen. Einige Lücken könnten jedoch von Zwischenwänden herrühren, die aber ebenfalls schon beraubt oder zerstört wurden [ 14 ]. Dafür spräche die Stratigraphie, denn der angeschwemmte Nilschlamm hat die Basaltblöcke versiegelt. In diesem Nilschlamm gab es keinerlei kulturelle Hinterlassenschaften und kein Indiz dafür, daß man jemals versucht hätte bis zum Pflaster vorzudringen [ 15 ]. Die ältesten Spuren stammen aus römischer Zeit und bestehen in einem Bruchstück einer römischen Amphore. An der Südecke der Basaltblöcke wurden Reste einer Mauer aus Lehmziegeln mit einer wahrscheinlichen Breite von 8 m gefunden [ 16 ]. Lehmziegelmauern konnten daneben in einem südlich davon gelegenen Testgraben bestätigt werden.

Es besteht kein Zweifel, daß es sich bei dieser eher zufälligen Entdeckung um den richtigen Taltempel des Cheops handelt. Hawass sieht diese Entdeckung durch eine weitere Mauer im Dorf bestätigt. Einen vollständigen Plan des Tempels gibt es nicht, jedoch konnte mit Sicherheit die Länge des Tempels bestimmt werden [ 17 ]. Fünf zusätzlich Testgräben, die den Befund bestätigen, wurden im Westen gezogen [ 18 ]. Der Aufweg knickt an der Stelle der Grabungen Goyons, in der Abdel Hamid el-Wastani Street, um weitere 32 nach Norden ab und verläuft bis zum eigentlichen Taltempel noch 125 weit. Damit ist der Taltempel 825 m vom Pyramidentempel an der Ostseite der Pyramide entfernt [ 19 ].

Angesichts dieses kläglichen Befundes, der kaum mehr als die Standortbestimmung zuläßt, kann man schwerlich auf die architektonische Gestaltung des Taltempels schließen. Die Herleitung aus der Entwicklung ist kaum einfacher, denn am direkten Vorgänger der Cheopspyramide, der Roten Pyramide, ist der Befund eher noch schlechter zu deuten. Fest steht, daß der Taltempel sicher mit Chephren seine Form gefunden hat. Wahrscheinlich eher aus einer auch sonst nicht unüblichen Ähnlichkeit zwischen der Architektur der Taltempel und der Pyramidentempel schließt Stadelmann auf einen "von Pfeilern umstandenen Hof" [ 20 ].

Anmerkungen

[ 1 ] z.B. Hawass, Workmens's Community, p. 56, n. 29: Z. Hawass & M. Jones: The Discovery of the Lower Temple and Causeway of Khufu.
[ 2 ] Hassan, Giza X, p. 18.
[ 3 ] MR IV, p. 68.
[ 4 ] Goyon, La chaussée, p. 63.
[ 5 ] Messiha, Valley Temple, p. 16.
[ 6 ] Hawass, Funerary Establishments, pp. 137f.
[ 7 ] Lehner, Development, p. 120.
[ 8 ] ibd., Lehner, p. 125.
[ 9 ] Goyon, op.cit., p. 63-66, Fig. 7 & 8.
[ 10 ] Zur Rolle des Basalts in königlichen Grabanlagen des Alten Reiches vgl. Hoffmeier, Use of Basalt, passim.
[ 11 ] Messiha, Map A; Stadelmann, Development, p. 4.
[ 12 ] vgl. Lehner, op.cit., p. 125.
[ 13 ] Hawass, Funerary Complexes, pp. 224f.; ders., Recent Discoveries, pp. 241f.; ders. Giza, Khufu Pyramid Complex, pp. 348f.
[ 14 ] vgl. ders. Funerary Complexes, pp. 256-257, Fig. 6.6-6.7.
[ 15 ] ibd., p. 225.
[ 16 ] ders., Funerary Complexes, p. 225: "although its south side is not definitley defined."
[ 17 ] ders., Funerary Complexes, p. 225, leider ohne Angabe, aber wahrscheinlich 56 m, vgl. ders. Giza, Khufu Pyramid Complex, p. 349.
[ 18 ] ders., Recent Discoveries, p. 241.
[ 19 ] ibd.
[ 20 ] Stadelmann, Giza, S. 170.

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